Mathias Wohlfeld
3 Praxisteil
3.1 Einführung
Ein
Unternehmen, das seine Zielgruppen im Netz erreichen und ansprechen will, muss
die Eigenarten der einzelnen Instrumente kennen, die ihm dafür zur Verfügung
stehen (vgl. Ruisinger 2007, S. 2). Denn was eine Website bieten und können
sollte – technisch wie auch inhaltlich – muss zielgruppenspezifisch festgelegt
werden (vgl. Hejnk 2002: 16). Je vertrauenswürdiger eine Seite von den Nutzern
eingestuft wird, umso häufiger wird eine Seite für die Suche nach Informationen
herangezogen. Dazu zählen Unternehmenswebseiten, wie auch journalistische
Angebote im Netz (vgl. Pleil/Zerfaß 2007: 513).
Aus diesem
Grund ist es auch eminent wichtig, ja quasi unabdingbar, umfangreiche Kenntnisse
über die Zielgruppe zu haben, die man erreichen möchte. Zu diesen Kenntnissen
gehören grundlegende, soziodemographische Daten, aber auch spezifische
Erkenntnisse zu Einstellungen, Beurteilungen und Empfindungen einer Zielgruppe,
gegenüber den im Internet angebotenen Kommunikationsmöglichkeiten.
Daher wurde im
Rahmen dieses Seminars „Glaubwürdigkeit in der Online-Kommunikation“ auch
praktisch gearbeitet, indem mittels einer Befragung versucht worden ist, über
die Glaubwürdigkeit in der Online-Kommunikation Einstellungen und Meinungen
abzufragen. Hierfür wurde der Begriff der Glaubwürdigkeit auf der Grundlage
wissenschaftlicher Literatur von den Seminarteilnehmern operationalisiert und
anschließend, darauf aufbauend und der Vorgabe entsprechend, geschlossene Fragen
für einen Fragebogen formuliert, mit dem Probanden zum Thema Glaubwürdigkeit in
der Online-Kommunikation befragt worden sind. Hierfür wurden Gruppen mit bis zu
fünf Gruppenmitgliedern gebildet.
3.2 Vorgehensweise und Untersuchungsdesign
Alle Probanden
dieser (unserer) Gruppe wurden befragt, während Sie vor einem, an das Internet
angeschlossen Computer saßen und zuerst die Internetseite von der Siemens AG (als Positivbeispiel www.siemens.de) und anschließend die Internetseite der HPC AG (als
Negativbeispiel www.hpc-ag.de) vor sich sahen.
Die Befragten
bekamen im Vorfeld keine Zeit sich die Internet-Seiten in Ruhe anzuschauen, um
der realen Situation, schnell etwas zu suchen und sich währenddessen einen
Eindruck von der Internetseite zu machen und wiederzugeben, möglichst nahe zu
kommen. Die Befragung wurde telefonisch durchgeführt. Die Beschreibung der Eindrücke
durch die Befragten erfolgte auf die geschlossenen Fragen hin, die teilweise
auch Seitenspezifisch gestellt wurden.
3.2.1 Fragen-Typ
Bei den Fragen
handelte es sich wie vorgegeben ausschließlich um geschlossene Fragen, die mit
den, für das Konstrukt Glaubwürdigkeit definierten Indikatoren gebildet worden
sind. Somit mussten von den Probanden Einstellungs- und Meinungsfragen zu den
beiden verschiedenen Internetseiten beantwortet werden.
Zum Teil wurden
die Fragen seitenspezifisch detailliert gestellt, konnten aber – als
geschlossene Fragen – nur mit sechs verschiedenen, wertenden Antwortvorgaben
beantwortet werden.
3.2.2 Struktur der Probanden
Die Probanden
wurden so ausgewählt, dass sie unter den Gesichtspunkten Alter und
Vorraussetzungen mit dem Internet umzugehen – also bezüglich Internet- und
Webseiten-spezifischen Wissens, grafisches Fachwissen, Computer-Fachwissen und
Internetnutzung – eine heterogene Struktur aufweisen, bezüglich der
Bewertungskompetenzen aber als homogen angesehen werden können (siehe Kap. REF
_Ref210475469 \r \h 4.2.3).
3.2.3 Bewertungsskala
Als
Bewertungsskala für die Antwortmöglichkeiten der Probanden wurde eine sechser
Skala gewählt, mit den Bewertungen von 1 = „trifft zu“ oder „sehr gut“, bis 6 =
„trifft nicht zu“ oder „ungenügend“.
Die Abstufungen
der dazwischen liegenden Bewertungen sind analog des bekannten Benotungssystems
zu verstehen, das (hierzulande) vorwiegend in Schulen üblich ist.
Die hinter
dieser Entscheidung stehenden Gedanken sind die, dass die Struktur der Befragten
bezüglich ihrer Vorraussetzungen und Vorbildungen bezüglich des Internets
möglichst heterogen, bezüglich der Bewertungsskala und den Kompetenzen im Umgang
mit dieser aber als homogen anzusehen ist (siehe Kap. REF _Ref210475081 \r \h
4.2.2), da davon ausgegangen werden kann, dass
die Bewertungen analog dem bekannten Notensystem hierzulande jeder quasi
verinnerlicht hat.
Dies wiederum
lässt die Annahme zu, dass die Beurteilung/Benotung tendenziell präzise
ausfällt, da über ein, allen bekanntes System beurteilt werden muss, denn
eine gerade Skala bietet den Befragten keine neutrale Mitte. Außerdem lässt sich
durch die Verwendung der numerischen Relative am Ende ein Bewertungsdurchschnitt
analog einem Notendurchschnitt ermitteln, der bezogen auf die qualitative
Wirkung der Seite auf die Befragten eine eindeutige Bewertung widerspiegelt.
3.3 Fragebogen für Befragung zum Thema Glaubwürdigkeit
Instruktionen:
- Alle
Fragen sind mit einer Angabe auf einer Skala von 1-6 zu beantworten
1 steht für „trifft zu“ oder „sehr gut“
6 steht für „trifft nicht zu“ oder „ungenügend
- Angaben
dazwischen sind analog dem Verständnis bzw. der Definition von (Schul-)
Noten zu beurteilen.
- Die rotmarkierten Teile der Fragen ersetzten bei
der Befragung über die Website der
HPC-AG die Fragenteile vor dem jeweiligen Slash! So können am Ende eventuell
noch ein paar „generalisierbare“ Infos, bzw. Eindrücke aus den Ergebnissen
der Befragung abgeleitet werden! ( Bspw. ob echte Bilder oder cartoonartige Illustrationen ehrlicher und
vertrauensvoller wirken oder nicht.)
- Die
geschlossenen Fragen sind nach den für die Glaubwürdigkeit definierten
Indikatoren geordnet.
Vertrauenswürdigkeit
- Macht
die bildhafte Gestaltung mit realen/Cartoonartigen Bildern der Startseite auf Sie/Dich einen ehrlichen und vertrauensvollen
Eindruck?
- Vermittelt Ihnen/Dir die Website (die Befragten sollen dazu ein-, zweimal
weiterklicken!) durch die Verwendung von echten Photos/cartoonartigen Illustrationen einen gestalterisch professionellen Eindruck?
- Vermitteln Ihnen/Dir die bildhaften Motive/schematischen
Darstellungen den Eindruck, es mit einem seriösen und zuverlässigen
Partner/Unternehmen zu tun zu haben.
Sachkenntnis
- Wie
beurteilen Sie die Vollständigkeit der Informationen, die Ihnen/Dir auf der
Startseite kommuniziert werden, in Bezug auf das Unternehmen, Kompetenzen
und Leistungsspektrum?
- Macht
die Darbietung der Informationen (also das Informationsdesign) auf
Dich/Sie einen kompetenten und qualifizierten Eindruck?
Dynamik
- Wirkt
die Gestaltung der Internetseite in Struktur und Navigation auf Sie/Dich
innovativ?
- Empfinden Sie/Du, dass die Seite in Bezug auf Gestaltung und Navigation
generell ( bspw. Pagewechsel,
gerade bei Siemens) einen energischen/zeitgemäßen Eindruck macht?
Objektivität
- Haben
Sie/Du das Gefühl auf der Internetseite aufgeschlossen und transparent
informiert zu werden?
- Unterstützt die Farbgestaltung der Internetseite Ihrer/Deiner Meinung nach
einen Eindruck von Objektivität und Transparenz?
Verständlichkeit
- Werden
die Inhalte (eigene Wahl ein-, zweimal weiterklinken) nach Ihrem/Deinem Verständnis verständlich
und präzise dargeboten?
- Wie
beurteilen Sie den Schreibstil der Texte bezüglich Professionalität
(Qualifizierung der Informationen)? ( freiwillige Textauswahl der Probanden, kurzes an-, bzw. durchlesen)
Attraktivität
- Wie
empfinden Sie/Du die Navigation durch die Internetseite – wie sehr
unterstützt Sie Ihre/Deine Suche nach Informationen?
- Empfinden Sie/Du die Vielseitigkeit ( das Informationsangebot) dieser Website als positiv?
Ethik
- Macht
die Webseite auf Sie/Dich aufgrund ihre Bildauswahl mit Menschen und
Themenorientierung, -angebot einen gewissenhaften, korrekten Eindruck?
Extra-Kategorie: Involvement
Haben Sie/Du einen persönlichen
Bezug zu dem Unternehmen? (Ja, nein)
Wenn ja:
Glauben Sie/Du,
dass der persönliche Bezug, der persönliche Eindruck zu diesem Unternehmen
Ihre/Deine Antworten positiv oder negativ beeinflusst?
Vielen Dank!
3.4 Ergebnisse
Die Antworten werden jeweils in
Form der Durchschnittsnoten angegeben:
Eigenschaften und Alter der
Probanden
SIEMENS HPC AG
Dipl. Psychologe (33),
Usability-Fachmann,
2,57
2,64
stark computeraffin
Pharmazeutikerin (25),
1,29
1,43
durchschnittliche Userin,
KMW´ler
(28),
2,5
2,71
(Schwerpunkt Buchwissenschaft)
durchschnittlicher User
Dipl. Ingenieurin
(55), 2,14
3,29
nicht computeraffin
Dipl. Ingenieur
(33), 2,71
3,71
Medientechniker und
Mediengestalter
stark computeraffin
Gesamtdurchschnitt der
Gruppe 2,28 2,76
Eigenschaften und Alter der
Probanden SIEMENS
HPC
AG
Kauffrau für
1,86
3,5
Bürokommunikation (24)
Doktorand
(26)
2,6
3,2
Businessdevelopment
2,9
3,1
Manager (25)
Medizinprodukte-
1,1
3,3
fachberaterin
(53)
KMW´ler
(24)
1,4
3,0
Gesamtdurchschnitt der
Gruppe 1,97 3,22
Gesamtdurchschnitt (zehn
Probanden) 2,13 2,99
3.4.1 Kurze Interpretation der Ergebnisse
Erwartungsgemäß
ist die Internetseite von Siemens in Bezug auf die Glaubwürdigkeit besser
bewertet worden als der Internettauftritt der HPC-AG, wobei die Unterschiede
teilweise mit weniger als 0,2-Notenpunkten eher marginal ausgefallen sind.
Die deutlicher
voneinander abweichenden Bewertungen durch die beiden Ingenieure in der ersten
Befragung sind hauptsächlich dadurch zustande gekommen, weil der Fokus von
beiden Personen hier automatisch sehr analytisch auf Sachlichkeit und
gestalterische Umsetzung mit Bezug auf die Funktionalität gelegt worden ist.
Den geringsten
Unterschied zwischen beiden Seiten weisen die Befragungsergebnisse eines
Psychologen auf, der die Seiten berufsbedingt besonders unter
Usability-Gesichtspunkten betrachtet hat.
Die Antworten
in der zweiten Befragung fallen in ihrer Bewertung deutlich verschiedener aus,
was wahrscheinlich auf die Art des Fragens zurückzuführen ist.
Generell
auffällig bei beiden Befragungen ist aber die relative schlechte Bewertung der
Siemens-Website, die in nur drei von zehn Fällen die Endnote „sehr gut“ erhalten
hat, aber immerhin als beste Unternehmenswebsite Seite prämiert worden ist.
Kriterien wie
die bildhafte Gestaltung und Bildauswahl, ein generell qualifizierter Eindruck
und innovative Gestaltung sind bei dem Webauftritt der SIEMENS AG eher positiv,
bei der Seite der HPC-AG dagegen eher negativ aufgefallen.
Navigation,
Aufgeschlossenheit und Transparenz gegenüber den Internetnutzern, sowie
Verständlichkeit durch den Schreibstil, wurden bei beiden Webauftritten eher
positiv genannt.
3.4.2 Zusatzbemerkungen
Untersucht
wurden hier die Websites von zwei Profit-Unternehmen. Einer bekannten Website,
der eine hohe Glaubwürdigkeit zugesprochen wird – die Website der SIEMENS AG –
haben wir eine, den Befragten unbekannte gegenübergestellt, deren
Glaubwürdigkeit wir im Vorfeld auf analytischer Basis der
Glaubwürdigkeitskriterien als deutlich geringer angesehen haben.
Im Vergleich zu
Fogg (2002) hatten wir ein Benotungssystem von 1-6 und nicht von 1-10, aber es
wurden auch Menschen mit unterschiedlichen Internetaffinitäten und
Medienkompetenzen befragt. Das komplette Layout, die visuelle Erscheinung, mit
allen Fotos und Farben haben auch bei unseren Befragten eine wichtige Rolle für
die Einschätzung und Bewertung der Glaubwürdigkeit gespielt, wobei alle
automatisch auch auf den Inhalt geschaut haben. Und ein zu „polierter“ oder
„aalglatter“ Eindruck, wie ihn die Website der SIEMENS AG macht, kostet ab einem
gewissen Punkt Glaubwürdigkeit.