Kommunikationsstrukturen Leipzig Berlin Dresden Interpersonelle und öffentliche Kommunikation im Wandel der Zeit (Teil 3)

Aufgrund der Möglichkeit der Identitätsausweitung eines Individuums in den virtuellen Raum hinein, entstehen neue Handlungsmöglichkeiten. Öffentlich tabuisierte Handlungen, können aufgrund der Immunitätsgarantie des Internets ohne persönliche Zwänge ausgeführt werden. ...

Ein Artikel von: Sören Schmidt


4. Kontextvariabilität

Die falsche Angabe des Alters oder des Geschlechts, auch „gender swapping“ genannt, führt dazu, dass bei der interpersonellen, aber auch bei der öffentlichen computervermittelten Kommunikation weniger kommunikative Kontexte, als bei der direkten Angesicht zu Angesicht Kommunikation verfügbar sind23.

Bei öffentlichen Foren, aber auch bei der interpersonellen Onlinekommunikation mit nicht bekannten Personen, ist es schwierig festzustellen, ob die Antwort ein standardisierter auf viele Personen zugeschnittener Text, ein teilweise ernst zunehmender Text einer Person mit falscher Identität oder sogar einen computergenerierten Antworttext darstellt. Eine Person welche im Internet agiert, verfügt somit über die volle Entscheidungsgewalt darüber, wie viel, oder was sie selbst von sich preisgibt oder aber zu ihrer Identität hinzufügt.

Die im virtuellen Raum oft vorkommende Bewusstseinsspaltung einer Person in verschiedene Teilidentitäten24, ergeben in ihrer Summe nicht ein Ganzes. An den sich gegenseitig überlappenden Identitäten, tritt jeweils eine zweckerfüllende, speziell ausgewählte, Interessenformulierung in den Vordergrund. Je nach Interesse und Notwendigkeit entwickelt sich eine schnell wechselbare Persönlichkeitsform im virtuellen Kommunikationsraum. Friedrich Krotz beschreibt dies als ein gestaltetes projiziertes Ich25. Hierdurch entsteht eine gewisse Verunsicherung, über die eigene wahrheitsgemäße Vorstellung der Person gegenüber und ob diese auch „mental“ anwesend ist, den die bei der Face-to-face-Kommunikation bedingte Aufmerksamkeit, ist im Online-Chat nicht gewährleistet.

Friedrich Krotz meint hierüber, dass bei der Unsicherheit der digitalen Kommunikation, das Ich-Du-Verhältnis zunehmender irrelevanter wird26.
Aber auch in einer anderen Hinsicht, steht die Betrachtung des Ich-Du-Verhältnisses unter keinem guten Stern. Der Schutz persönlicher Daten und die Abgrenzung privater und öffentlicher Kommunikationsräume vor böswilligen Zugriff, beschäftigt das Bewusstsein der Internetnutzer. Präzedenzfälle von Hackern, welche mit den ausspionieren Daten, materielle aber auch ideelle Schäden anrichteten, sorgten weit gehend für ein Umdenken in der Handhabung und Preisgabe persönlicher Gefühle, Daten und Aussagen, zumindest bei Kommunikationspartnern unbekannter Herkunft.

5. Ort – ein variabler Begriff

Wiedereinmal klingelt das Handy, und der Geschäftspartner berichtet, dass der Linienflug über Frankfurt nach München nicht mehr erreicht werden kann. Jedoch kann das Meeting nicht ohne ihn stattfinden und auf keinen Fall verschoben werden. Somit entschließt man sich, die wichtigsten Fakten während einer Onlinekonferenz zu besprechen.

Dieser oben beschriebene Fall, ist häufiger Bestandteil des heutigen Geschäftslebens. Die mühelos überbrückbare Distanz zwischen zwei Personen, versetzt uns heute in die Lage, ein Gespräch von einem beliebigen Ort der Erde, zu einem anderen beliebigen Ort durchzuführen. Achim Bühl schreibt darüber „Das Surfen in weltweiten Netzen, das Eintauchen in virtuelle Welten korrespondiert tendenziell mit einem zunehmenden Verlust des Realkörpers, mit einer Überbetonung des Geistes.“27

Die Bindungen des physischen Körpers an den Ort des Geschehens, ist durch die Überbrückung der realen Welt, mithilfe der Kommunikationstechnik nicht mehr als Bedingungen zu betrachten. Es geht sogar soweit, dass sich nicht der Geist, wie ihn Achim Bühl beschreibt, an den Ort des Geschehens begibt, sondern der Ort wandelt sich zum transportablen Gut. Friedrich Krotz schreibt, „Körper und Kommunikation entkoppelt sich“ 28. Es ist nicht mehr wichtig, zu einer bestimmten Zeit einen bestimmten Ort zu sein und daraus ergibt sich zwangsläufig eine Verschiebung des Tagesablaufes.

Aufgrund der ständigen, geografisch unabhängigen Erreichbarkeit verwischt sich die strikte direkte Trennung zwischen Arbeit und Freizeit. Persönliche E-Mails vermischen sich mit Geschäftlichen und umgekehrt. Dem Empfänger ist es freigestellt, ob er diese Mails Montag morgens oder schon Sonntag abends bearbeitet. Für die interpersonelle und öffentliche Medienkommunikation ist dies insofern bedeutend, dass Nachrichten nicht mehr an einen Ort oder eine physische Adresse geschickt werden müssen, sondern sich die elektronische Nachricht nur noch an das Individuum selbst richtet29.

Wer also über einen Internetanschluss verfügt und seine E-Mails abruft, für den findet diese Kommunikation nur noch von Person zu Person statt. Das Schlagwort „global village“ with „no sense of space“30, 31, beschrieb das grenzenlose rezipieren der Medien im ursprünglichen Sinne. Aufgrund der heutigen globalen Vernetzung, ist die Möglichkeit des einseitigen Rezipierens erweitert worden. Asynchrone32, ortsungebundene und zeitlich nicht festgelegte, interaktive Medienkommunikation mit öffentlichem aber auch interpersonellen Charakter manifestiert sich als evolutionärer Schritt der Menschheit.

6. Kommunikationsstrukturen

Als um 1930 Berthold Brecht, in seiner Radiotheorie den Wunsch äußerte, dass nicht nur der Sender zu senden befähigt sein sollte, sondern auch der Empfänger die Möglichkeit besitzt, auf das Gesendete zu antworten33, wusste er noch nicht, dass dies heute in perfektionierter Umsetzung alltäglich geworden ist. Multidirektionale Kommunikationsstrukturen ermöglichen nicht nur auf das Gesendete adäquat zu reagieren, sondern dies auch zwischenzuspeichern, zu verändern34 und in neuer variierter Form, an beliebig viele weitere Rezipienten weiterzuleiten. Hierdurch entstand eine Vielzahl neuer Veränderungen in den Möglichkeiten der interpersonellen und öffentlichen Medienkommunikation.

Bilder, Töne und Texte können verlustfrei beliebig vervielfältigt, verändert und in neuer glaubhafter oder unglaubhafter Gestalt oder Bearbeitungsform weitergeleitet werden. Jeder ist in der Lage, in beliebiger Form, unabhängig von Ort und Zeit, mit einer bekannten oder unbekannten Person, Informationen, Meinungen und Gedanken auszutauschen. Vorherrschende Strukturen, werden bedingt durch die neuen Kompetenzen der im ursprünglichen Sinne definierten „Sender“, durch eine kommunikative Vollstruktur abgelöst.

7. Schlussbetrachtung

Einige Wochen Training, und nun ...? Heute soll es passieren. Nervosität! Anspannung! Wird alles so stattfinden, wie es geplant ist? OK, durch nichts mehr beeinflussen lassen, positiv denken und konzentrieren. Konzentrieren, konzentrieren … r e e e c h t s ! … rechts und … h o o o c h !

Hurra! Exzellent! 

Der Cursor bewegt sich nach rechts und anschließend nach oben.

Endlich, den Physikern, Neurochirurgen, Informatikern und den anderen Wissenschaftlern, fällt ein Stein vom Herzen. Eine der letzten Barrieren des menschlichen Geistes ist gebrochen. Wie soll man es nennen? Gedanken lesen, Gedanken beeinflussen? Gedanken übertragen? An vorderster Stelle ist es den  Wissenschaftlern der Berliner "Arbeitsgruppe Neurophysik", um den Neurologen und Psychiater Prof. G. Curio der Charité und der "Arbeitsgruppe Intelligente Datenanalyse", um den Informatiker Prof. KR Müller vom Fraunhofer Institut für Rechnerarchitektur und Softwaretechnik35, vor über einem Jahr gelungen, menschliches Gedankengut direkt in den Computer zu übertragen und einfache Anweisungen, die nur durch Gedanken übermittelt werden, ausführen zu lassen36. Ein verblüffender, beeindruckender und evolutionärer Schritt der Technik.

Dieses Beispiel zeigt in besonderem Maß, dass die enorme Innovationskraft in der Mikroelektronik und Nanotechnik, stetig für eine exponentielle Leistungssteigerung und Miniaturisierung in der Informations- und Übertragungstechnik sorgt. Interpersonelle und öffentliche, technikbasierende Medienkommunikation in einem wesentlich umfassenderen Maß als heute, wird zu einem unwiderruflichen Bestandteil der zukünftigen Gesellschaft des Postinformationszeitalters37.

Bezugnehmend auf die vorangegangenen Aufführungen, scheint kommunikationstheoretisch betrachtet, ein umfassender gesellschaftlicher Wandel bevorzustehen38. Man wird abschätzen müssen, in wie weit die globale Vernetzung, im Stande ist, soziale Grenzen abzubauen. Auch die Betrachtung der weiter wachsenden Unbedeutsamkeit des Ortes, der Zeit, der Möglichkeit der Asynchronität der digitalen Kommunikation und der dadurch einerseits möglichen Vereinzelung der Individuen oder andererseits denkbaren interpersonellen und öffentlichen Veränderung des Kommunikationsverhaltens, welches zur Entwicklung eines globalen einheitlichen Bewusstseins beiträgt? Technikfolgenabschätzung, wird in Betracht dessen, zu einem interessanten Thema.

Man kann davon ausgehen, dass zukünftig neue Betrachtungen und Theorien gefunden werden, um dem Erbe der heutigen Zeit die Auswirkungen der Technik auf das Interaktionsbedürfnis der Gesellschaft, näher zubringen. Den der Mensch ist Mensch, weil er kommuniziert39.

 

Quellenverzeichnis

URL 2
Universität Essen (Literaturwissenschaften)
Thema: Bertolt Brecht´s „Radiotheorie"

http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaftaktiv/Vorlesungen/ausblick/bre_radio.htm

URL 3
Prof. Dr. Klaus-Robert Müller (Berliner "Arbeitsgruppe Neurophysik")
Thema: Hilfe für Gelähmte: Gedanken steuern Computer, Rollstühle etc.
Absatz: Berlin Brain-Computer Interface

http://images.google.de/imgres?imgurl=http://hns.pvs-bw.de/files/gedanken_steuern_pc.jpg&imgrefurl=http://hns.pvs-
bw.de/topics.php%3Fop%3Dviewtopic%26topic%3D117&h=120&w
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%3Fq%3Dgedanken%2Bsteuern%2Bcomputer%26hl%3Dde%26lr%3D
%26sa%3DG

URL 4
Prof. Dr. Klaus-Robert Müller
Thema: Eine Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer

http://ida.first.fhg.de/projects/bci/bbci_official/

23 vgl. Krotz, Friedrich: Digitalisierte Medienkommunikation (1998), S. 129.
24 vgl. ebd., S. 132.
25 vgl. ebd., S. 131.
26 vgl. Krotz, Friedrich: Digitalisierte Medienkommunikation (1998), S. 130.
30 vgl. McLuhan, Marshall: Die magischen Kanäle. „Understanding Media“ (1964).
31 vgl. Meyrowitz, Joshua: Überall und nirgens dabei (1985).
32 vgl. Negroponte, Nicholas: Total digital (1995), S. 208.
27 Bühl, Achim: Die virtuelle Gesellschaft (1997), S. 56 f.
28 Krotz, Friedrich: Digitalisierte Medienkommunikation (1998),  S. 132.
29 vgl. Negroponte, Nicholas: Total digital (1995), S. 236.
33 vgl. URL 2: Bertolt Brecht´s „Radiotheorie".
34 vgl. Negroponte, Nicholas: Total digital (1995), S. 202.
35 vgl. URL 3: Hilfe für Gelähmte: Gedanken steuern Computer, Rollstühle etc.
36 vgl. URL 4: Eine Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer.
37 vgl. Negroponte, Nicholas: Total digital (1995), S. 201.
38 vgl. Berghaus, Margot: In: Ludes Peter: Multimedia-Kommunikation (1997), S. 83.
39 vgl. Krotz, Friedrich: Digitalisierte Medienkommunikation (1998),  S. 126.

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