Internetkommunikation Leipzig

Interpersonelle und öffentliche Kommunikation im Wandel der Zeit

(Teil 2)

Ein Artikel von: Sören Schmidt


3. Veränderung des Kommunikationsverhaltens

3.1 Definition des Mediums

Die frühere Einfachheit der Beschreibung, was ein Medium ist oder wie sich ein Medium darstellt, gerät zunehmend außer Kontrolle. Mc Luhans berühmte Sentenz  "the medium is the message"9 beschrieb, dass eine spezifische Verbindung zwischen Inhalt und Form für ein bestimmtes Medium charakteristisch ist. Aufgrund der heute zur Verfügung stehenden Telekommunikations- und Informationstechnik, entgrenzt sich die Vergegenständlichung des Mediums. Sie enthält das Potenzial für die Erweiterung der Inhalte und die Kombination vorhandener Quellen.

Der daraus entstehende Begriff, diese Metamorphose zu beschreiben, heißt Multimedia.10 Das Einzige was hier definierbar scheint, sind die beiden digitalen Zustände null und eins, aus dessen Kombinationen heraus alle bisher da gewesenen,  archaischeren Medien projiziert werden können, welche hierbei als Reflexionsinstanz dienen.11 Der hohe Integrationswert der älteren Medien ist besonders beim heutigen Internet erkennbar, da in ihm verschiedene Wahrnehmungskanäle und Kommunikationsmedien integriert werden.12 Margot Berghaus schreibt:

 "Die Differenz zwischen einerseits Massenkommunikation und andererseits interpersoneller Kommunikation, beziehungsweise einerseits öffentlicher und andererseits privater Kommunikation verwischt."13

Das kürzlich eingeführte digitale Fernsehen ist hierfür ein sehr gutes Beispiel. Das Fernsehen ist im ursprünglichen Sinne ein Massenkommunikationsmedium, welches aufgrund der digitalen Technik interpersonelle Kommunikation integriert.
Durch die Einführung eines leistungsfähigen Rückkanals, mit dem man Artikel im TV-Shop bestellen kann oder bei der Meinungsumfrage einer Sendung mitwirken kann, bedient sich das Fernsehen der Möglichkeit, interaktiv zu kommunizieren.

3.2 "update" - ein Begriff mit Folgen

Die grenzenlose digitale Kommunikation besitzt noch eine weitere Eigenschaft, ihre Schnelligkeit. Hierbei ist es interessant zu beobachten, wie schnell sich der Mensch an diese Gegebenheiten anpasst. Die Gewohnheit an die Schnelligkeit der Informationsbeschaffung setzt zumindest im heutigen Geschäftsleben voraus, dass jeder Mitarbeiter zu jeder Zeit an jedem Ort erreichbar ist. Die bekannte Aussage "Wissen ist Macht" gewinnt hier eine weitere Bedeutung. Denn nur wer Zugriff auf eine Echtzeitkommunikation hat, welche keine geografischen Grenzen kennt, kann diese auch im wirtschaftlichen Sinn zu seinem Vorteil nutzen. Das Internet bietet die Möglichkeit, Information auf sehr gezielte aber dennoch umfangreiche Weise zu bekommen.

Die Rezipienten im Sinne der öffentlichen Kommunikation können gezielter angesteuert. Die Resonanz wird dadurch erhöht.14 Da die heutige technische Entwicklung durch ihre Innovationskraft eine schnelle stetige Verbesserung und Weiterentwicklung des Bisherigen anbietet, ist es nötig, mit dieser technischen Evolution Schritt zu halten. Im Bereich der Softwareentwicklung ist dies sehr gut zu beobachten. Die Effizienz der Programme und die dadurch nicht unerhebliche Zeitersparnis im Schaffungsprozess setzt eine ständige Aktualisierung der Software voraus, um konkurrenzfähig zu bleiben.

3.3 Interpersonelle Interaktion im textbasierten virtuellen Raum

Interpersonelle Kommunikation hat gegenüber den Massenmedien den Vorteil, dass der Absorbtionsgrad des Kommunizierten eine höhere Tragweite aufweist. Psychologische Vorteile wie die fehlende Zweckbestimmtheit, größere Flexibilität und höheres Vertrauen in die persönlich verbundene Quelle unterstützen dies. Bei vertrauenswürdigen, sachkundigen und bekannten Personen ist somit die Akzeptanz höher.15 Da das Internet als globale virtuelle Kommunikations- und Informationsplattform dient, kann es im virtuellen Raum eines Online-Chats, der die textbasierte interpersonelle Kommunikation in Echtzeit ermöglicht, jedoch zu einigen Störungen dieser psychologischen Vorteile kommen.

In ihm ist es möglich, nicht nur mit bekannten vertrauten Personen zu reden, sondern auch mit Personen, mit denen man sich nie zuvor unterhalten hat. Da es sehr schwierig einzuschätzen ist, mit welcher Art von Personen man sich unterhält, als Beispiel soll hierzu der Charakter dienen, die Schreibweise, das Verständnis von Abkürzungen und Formulierungen, dauert es einige Zeit, sich an den kommunikativen Kontext anzupassen.16

Der symbolische Interaktionismus, begründet von George H. Mead, soll hier als Grundlage für die Beschreibung der Probleme im Online-Chat fungieren. Vereinfacht dargestellt, untergliedert sich die Interaktion in drei Phasen.17 Die erste Phase stellt ein Individuum dar, welches ein signifikantes Symbol "aussendet". Daraufhin erfolgt eine Reaktion der Personen gegenüber, welche die beiden Interaktionsteilnehmer in die Lage versetzt, eine Vorstellung der eingegangenen kommunikativen Handlung zu gewinnen. Da der Online-Chat im Gegensatz zum geschriebenen Brief eine wesentlich kürzere Reaktionszeit aufweist, besitzt er im hohen Maße die gleichen Eigenschaften wie bei der mündlichen Kommunikation von Angesicht zu Angesicht. Probleme gibt es, wenn die ausgedrückten Informationen nicht genügend beschrieben werden. Es kann dazu führen, dass das Geschriebene völlig missverstanden wird.

Eigentlich freundlich oder lustig gemeinte Inhalte können somit schnell zu einer negativen Beurteilung gelangen und die anschließende schriftliche Schlichtung des Ganzen in einer Sackgasse enden, weil beide Diskussionsteilnehmer aneinander vorbei reden. Oftmals kann eine Schlichtung dieser Verständnisprobleme nur durch die Klärung in einem anschließenden Telefonat erfolgen. Denn  hier ist es unbewusst gewährleistet, die Betonung der Sätze und die Betonung in der Stimmlage dafür einzusetzen, die zu übermittelnde Information näher zu beschreiben.

Jedoch gibt es bei der textbasierten Onlinekommunikation eine recht einfache Variante, diesem Problem entgegenzuwirken. Durch den Einsatz von Smileys. Stimmungsbezogen gewählte Smileys unterstützen den Sinn und den Kontext der Nachricht.

Die stereotypische Wirkung von Smileys kann somit sehr effizient bei der Onlinekommunikation eingesetzt werden, was in zunehmenden Maß noch durch den Austausch der Kombination von Textelementen mit kleinen farbvielfältigen Bildern verstärkt wird.
Bezugnehmend auf ein Zitat von Gebhard Rusch kann dies jedoch nur als Versuch gewertet werden, der Qualität der Informationsübermittlung bei der Interaktion der Face-to-face-Kommunikation nahe zu kommen.

"Zusammenfassend kann man für alle Kommunikationsmedien außerhalb oder oberhalb der Face-to-face-Kommunikation, also für die schriftlichen und AV-Kommunikationsformen feststellen, dass sie ein spezifisches Verständnisproblem erzeugen beziehungsweise die aus der Face-to-face-Kommunikation bekannten Probleme des Verstehens in spezifischer Weise verschärfen."18

3.4 Öffentlich kommunizieren - oder nur zum Teil?

Erinnert man sich an die Zeit, in der es in der Bundesrepublik Deutschland nur höchstens drei Fernsehsender zu empfangen gab und im Vergleich dazu nicht sehr viel mehr Radiosender, so ist nicht schwer zu verstehen, welcher Bedeutung damals eine interessante Fernsehsendung oder ein interessantes Medienspektakel gleichkam. Heute verfügen wir über mindestens zehn, oft zwanzig, aber bald auch über einhundert Kanäle. Um sich diese anzuschauen, wirkt der Faktor Zeit allein betrachtet schon sehr differenzierend. Ein so großes Medienangebot erzeugt automatisch eine außerordentliche Vielfalt an Inhalten. Ein heute gegründeter Fernsehsender kann sich nur durch Spezialisierung in den Inhalten und Adressorientierung am Markt behaupten.
Der frühere, einseitige, öffentliche vom Sender ausgehende Kommunikationsfluss19 wird heute durch den Fluss in mehrere Teilöffentlichkeiten20 abgelöst, bei denen die Möglichkeit besteht, auch interaktiv mit dem Sender zu kommunizieren. Weiterhin entsteht hier durch das Internet eine Vielzahl neuer Beziehungsstrukturen und Kommunikationskanäle, welche durch die Intelligenzverschiebung vom Sender zum Empfänger21 organisiert werden. Die Dezentralisierung der Kommunikationsformen in einer global orientierten Welt bedingt die Entfaltung der kommunikativen Potenziale. Demokratie und Politik unterliegen aufgrund von Partizipationsmöglichkeiten nischenförmig geprägter Nachrichten und Informationssendungen, spezieller Foren und Wissensgruppierungen, völlig neuen Rechtfertigungszwängen.22

Quellenverzeichnis

9 McLuhan, Marshall: Understanding Media (1964), zit. n. der Ausg. v. 1967.
10  vgl. Negroponte, Nicholas: Total digital (1995), S. 27.
11 vgl. Merten, Klaus:  Text und Meta-Text (1985), S. 25 - 37.
12 vgl. Krotz, Friedrich: Digitalisierte Medienkommunikation (1998), S. 116.
13 Berghaus, Margot: In: Ludes Peter: Multimedia-Kommunikation (1997), S. 77.
14 vgl. Krotz, Friedrich: Digitalisierte Medienkommunikation (1998), S. 123.
15 vgl. Merten, Klaus:  In: Klaus Merten: Die Wirklichkeit der Medien (1994), S. 156.
16 vgl. Krotz, Friedrich: Digitalisierte Medienkommunikation (1998).
17 vgl. Burkart Roland: Kommunikationswissenschaft (1995), S. 47 f.
18 Rusch, Gebhard: In: Klaus Merten: Die Wirklichkeit der Medien (1994), S. 78.
19 vgl. Negroponte, Nicholas: Total digital (1995), S. 29.
20 vgl. Krotz, Friedrich: Digitalisierte Medienkommunikation (1998), S. 124.
21 vgl. Negroponte, Nicholas: Total digital (1995), S. 29.
22 vgl. Krotz, Friedrich: Digitalisierte Medienkommunikation (1998), S. 125.

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